• Hans-Jürgen Heck

Das digitale Wort auf der Überholspur

Aktualisiert: 30. März



Fast unbemerkt hat sich in diesem Jahr ein Wandel vollzogen, den man getrost „historisch“ nennen kann. Zum ersten Mal in der Geschichte werden mehr Online-Publikationen gelesen als gedruckte Produkte wie Zeitungen und Magazine. Was vor über 500 Jahren mit Gutenberg begann und für die Bildung breiter Schichten sorgte, ist auf dem absteigenden Ast: das auf Papier gedruckte Wort.


Beispiel New York Times: an Wochenenden wog das Blatt in seinen besten Zeiten zwei Kilogramm, pro Jahr mussten für die Zeitung fünf Millionen Bäume gefällt werden, die Sonntagsauflage überschritt die Million, 400 Reporter und Redakteure schrieben für die Times, der gesamte Redaktionsstab zählte über 1000 Personen. Allein die Wochentagsauflage der Times ist von 2016 bis 2019 um fast 100.000 Exemplare auf 480.000 Stück gesunken.


Indes: Noch lesen mehr Menschen in Deutschland die Zeitung in Print als digital. Die Abo-Auflagen der regionalen und überregionalen Zeitungen ging aber von 16,3 Mio. im Jahr 2000 auf 9,7 Mio. im vergangenen Jahr zurück. Mit immensen Folgen für die Verlage: wenn die Zahl der gedruckten Exemplare sinkt, gehen nicht nur die Einnahmen durch den Verkauf der Zeitungen zurück, es sinken auch die Anzeigeneinnahmen, die in der Regel an die Zahl der Leser gebunden sind.


Beispiel Süddeutsche Zeitung: im Jahr 2013 kostete hier eine viertelseitige Anzeige rund 17.000 Euro. Bei seinerzeit 400.000 Lesern kam der Werbekunde auf einen Tausend-Kontakt-Preis (TKP) von etwa 42 Euro pro 1000 Kontakte/Leser. Sinkt die Zahl der verkauften Exemplare, sinkt auch der Anzeigenpreis.


Die Entwicklung zwingt die Verleger ihr Geschäftsmodell zu modernisieren: weg vom Papier hin zu PC, Tablet oder Handy. Aber das Eichhörnchen ernährt sich mühsam: die Gesamtauflage aller E-Paper-Ausgaben lag in 2019 bei „nur“ 1,73 Millionen, wobei die Corona-Pandemie als Beschleuniger gewirkt haben dürfte: im vergangenen Corona-Jahr, in dem Menschen mehr und länger Zuhause waren, ist die Zahl der Zugriffe auf die Internetseite der F.A.Z, so Theile in seinem Artikel zum Medienwandel, um 57 Prozent auf über 1,18 Milliarden Zugriffe gestiegen. Inzwischen gelingt es Verlagen, die Umsatzeinbrüche aus dem Printbereich mit elektronischen Ausgaben wettzumachen.


Beobachtet man das Nutzerverhalten jüngerer Menschen, wird schnell klar, dass sich die Achse elektronische und Printmedien weiter verschieben wird. In einigen Jahren dürften sich die Kurven der E-Paper- und der Print-Auflagen kreuzen.

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