• Hans-Jürgen Heck

Rücktritt ist nicht Rücktritt

Aktualisiert: 24. Mai




Rücktritte erleben wir ständig.


In der Wirtschaft, dem Sport, der Politik und auch der in der Kirche. Doch Rücktritt ist nicht Rücktritt. Während sich einige mit Händen und Füßen gegen ihren Rücktritt stemmen, gehen anderen mit Stil.


Hans-Jürgen Heck, Senior Advisor bei DIRK METZ Kommunikation, hat einige Rücktritt-Beispiele gesammelt.

 

Rücktritte hat es in der Politik, in der Wirtschaft, im Sport oder gar den Kirchen schon immer gegeben und es wird sie immer geben. Aber: Rücktritt ist nicht gleich Rücktritt. Während die einen wegen Verfehlungen gehen müssen, übernehmen andere schlicht Verantwortung und gehen mit erhobenem Haupt.


Zum Rücktritt von Bundesfamilienministerin Spiegel ist alles gesagt, spätestens mit der unwahren Behauptung, sie habe per Videoschaltung während ihres Urlaubs an den Kabinettssitzungen in Rheinland-Pfalz teilgenommen, war das Ende ihrer Amtszeit absehbar. Eher überraschend kam der Rücktritt der Linken-Chefin von Susanne Hennig-Wellsow, die nach den Sexismus Vorwürfen und dem „Umgang mit Sexismus in den eigenen Reihen“ ging, aber auch gleichzeitig ihre familiäre Situation anführte.


Während man mit der völlig überforderten Ministerin Mitleid empfinden konnte, nötigten andere Rücktritte häufig Respekt ab, andere lösten Erstaunen aus. Spektakulär war ein Rücktritt, der 2013 weltweit für Aufsehen sorgte. An einem Montagmorgen im Februar verkündete Papst Benedikt XVI. bei einer Vollversammlung der Kardinäle das ihm anvertraute Amt abgeben zu wollen. Benedikt wörtlich: „Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben.“ Die Tagesschau kommentierte seinerzeit: „Das ist mehr als eine große Geste, mehr als ein mutiger Schritt, das ist ein Zeichen großer Demut.“


Respektabel war auch der Rücktritt einer Kirchenfrau, der von vielen Menschen sogar als nicht notwendig erachtet wurde. Nachdem Bischöfin Margot Käßmann alkoholisiert von der Polizei gestoppt worden war, trat sie Tage später von allen kirchlichen Ämtern zurück. „Ich habe einen schweren Fehler gemacht, den ich zutiefst bereue“, hieß es in ihrer Erklärung. „Auch wenn ich ihn bereue, kann und will ich nicht darüber hinwegsehen, dass das Amt und meine Autorität als Landesbischöfin sowie als Ratsvorsitzende beschädigt sind.“ Ihrer Beliebtheit hat dies nicht geschadet, hier gilt der Satz „tiefer als in Gottes Hand kann man nicht fallen.“ Auch nach dem Rücktritt waren bei Kirchentagen ihre Auftritte gerne gesehen und gehört, auch dank einfühlsamer regelmäßiger Kolumnen gilt sie immer noch als „Bischöfin der Herzen.“


Ehrenhaft auch der Abgang von Armin Veh beim VfB Stuttgart. „Ich bin überzeugt, dass es mit einem anderen Trainer besser geht, und der VfB mehr Punkte holt“, erklärte er. Und weiter: „Ich glaube, dass es besser ist, wenn ich nicht da bin“. Viele Beispiele dieser Art dürfte es im Fußball nicht geben. Allein Jupp Heynckes hat bei Borussia Mönchengladbach ähnlich agiert, als der Verein im Tabellenkeller stand.


Oft erlebt man, dass sich Menschen mit Händen und Füßen gegen ihren Rücktritt stemmen, obwohl ihre Felle längst davon geschwommen sind. Ein Beispiel hierfür ist Martin Winterkorn, der als VW Chef, im September 2015 erklärte, es dürften "wegen der schlimmen Fehler einiger weniger" nicht sämtliche VW-Mitarbeiter in Verdacht geraten, womit er sich wohl auch selbst meinte.


Nur genau einen Tag später bekam er doch noch die Kurve. "Volkswagen braucht einen Neuanfang - auch personell", teilte Winterkorn mit. Und: "Ich bin bestürzt über das, was […] geschehen ist. Als Vorstandschef übernehme ich die Verantwortung für die bekannt gewordenen Unregelmäßigkeiten bei Dieselmotoren. Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin", so der Vorstandsvorsitzende.


Aber noch einmal zurück zur Politik: Einer der respektabelsten politischen Rücktritte dürfte der von Bundesinnenminister Rudolf Seiters im Jahre 1993 gewesen sein. Er gab sein Amt als Folge der missglückten Festnahme von zwei RAF-Terroristen durch eine Sondereinheit der GSG9 am Bahnhof in Bad Kleinen auf. Genau zehn Jahre später gab er der WELT dazu ein Interview.


Auf die Frage „Warum genau haben Sie sich für einen Rückzug entschieden?“, antwortete der Ex-Minister: „Mein Rücktritt war ein doppelter Akt der Schadensbegrenzung. Er sollte in dieser aufgeregten Diskussion das Vertrauen der Bevölkerung stärken, dass nichts vertuscht wird. Dass der Staat ohne Ansehen der Person aufklärt - von einem Nachfolger, der mit Bad Kleinen nichts zu tun hatte. Zum zweiten wollte ich die Bundesregierung vor einem langwierigen und unwürdigen Prozess der gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen Ministerien und Behörden bewahren. Aus meiner Sicht war der Rücktritt richtig, er war allerdings schmerzlich. Ich glaube, dass ich ein erfolgreicher Minister war. Aber manchmal muss man auch ein persönliches Opfer bringen. Ich war damals im Reinen mit mir und bin es auch heute." Schwer, dem etwas hinzuzufügen…


Regine Kreitz, Präsidentin des Bundesverbandes der Kommunikatoren, hat gerade im Zusammenhang mit dem Rücktritt von Familienministerin Spiegel erstaunt geäußert: „Noch immer gibt es Führungspersonen, die ihr öffentliches Wirken lieber ohne professionelle Beratung an ihrer Seite gestalten. Sie meinen, es ginge ohne ein Team oder wenigstens einen Profi, zu dem ein verlässliches Vertrauensverhältnis besteht…“ Unsere Präsidentin hat recht – und solchen Führungspersonen kann geholfen werden.

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