• Tobias Karbach

Schöne Ferien und guten Fluch…?



Jeden Tag erreichen uns neue Geschichten und Horrorszenarien zum aktuellen Flugchaos in Deutschland und Europa – das Dilemma wird immer größer und Frankfurt als größter deutscher Verkehrsflughafen zum absoluten Hotspot. Und jetzt sind vor einigen Tagen mit den Hessen, Rheinland-Pfälzern und Saarländern auch noch diejenigen Bundesländer in die Sommerferien gestartet, die sich im unmittelbaren Einzugsgebiet des Frankfurter Flughafens befinden.

Wo soll das noch hinführen?


Tobias Karbach, Consultant Communications, hat sich die Entwicklungen der letzten Wochen genauer angeschaut. In unserem heutigen Artikel teilt er seine Einschätzung zum Flugchaos – skurrile Alltagsgeschichten aus erster Hand inklusive. Er wünscht allen Flugreisenden – und dabei bezieht er sich selbst ein – starke Nerven und gutes Gelingen… Und natürlich trotzdem schöne Ferien und guten Flug Fluch…?

 

Am vergangenen Freitag haben nun auch für die Hessen, Rheinland-Pfälzer und Saarländer die wohlverdienten Sommerferien begonnen. Für viele Familien ein Grund zur Freude, steht doch mit dem Urlaub das absolute Highlight des Jahres bevor – seit langer Zeit endlich der erste Sommer ohne gravierende Corona-Einschränkungen. Möchte man meinen… Denn all diejenigen, die in diesem Sommer eine Flugreise gebucht haben – und das sind 57 Prozent mehr als in den beiden Pandemiejahren zuvor – stehen vor jeder Menge Unklarheiten und vielen Fragen.


Das Chaos an deutschen Flughäfen ist seit Wochen eines der prägendsten Themen in den Medien. Jeden Tag werden die Geschichten skurriler, das Dilemma immer größer und neue Horrorszenarien dramatischer – und Frankfurt als größter deutscher Verkehrsflughafen wird dabei als Hotspot deklariert. Denn hier wurden und werden nach wie vor viele Flüge von den Airlines gestrichen, dazu kommen massive Verspätungen im gesamten Flugplan – und das europaweit. Davon betroffene Personen werden – jedenfalls teilweise – auf den Bahnverkehr umgeleitet. Die Deutsche Bahn bedankt sich und ist einer der Gewinner der vergangenen Wochen.


Doch damit nicht genug: Zusätzlich zu den Problemen im Flugbetrieb, mit denen man in der Vergangenheit schon das ein oder andere Mal umgehen musste, kommen jetzt noch die chaotischen Zustände im Flughafen selbst dazu: lange Wartezeiten an Gepäckschaltern und vor der Sicherheitskontrolle, leere Gepäckbänder und Ratlosigkeit bei der Gepäckausgabe, tausendfach verschollene Koffer. Diese Liste könnte mühelos erweitert werden.

Und dabei sind die Sommerferien in den unmittelbar umliegenden Bundesländern des Flughafen Frankfurts gerade erst angelaufen. Was erwartet uns da noch in den kommenden Wochen?


Am vergangenen ersten Ferienwochenende wurden bis zu 200.000 Passagiere pro Tag gezählt. Das sind nochmal rund 20.000 Menschen mehr, als beim bisherigen Höchststand in diesem Jahr. Kein Wunder also, dass der Chef des Flughafenbetreibers Fraport, Dr. Stefan Schulte, in den vergangenen Tagen davon sprach, dass die Ereignisse der letzten Wochen noch nicht der Höhepunkt waren und die Sommer-Peaks noch kommen würden. Wer also auf Besserung gehofft hat, wird spätestens nach der Aussage „Der Sommer wird schwierig bleiben“ enttäuscht. Der Flughafenbetreiber geht davon aus, dass man sich noch zwei bis drei Monate auf gegenwärtigem (katastrophalem) Niveau bewegen wird.


Auch bei mir steht eine Flugreise in den Süden an. Als ich im Mai meine Flüge für die Reise im Juli gebucht habe, war nicht im Entferntesten daran zu denken, dass ausgerechnet die Flughafenabfertigung am Boden zum Hauptproblem werden würde. Viel mehr hat man sich über ganz andere Dinge Gedanken gemacht: Bloß nicht kurz vor der Reise mit Corona anstecken! Danke Dir für die letzte Woche vor Urlaubsbeginn im Homeoffice, Chef! Und am besten auch kein Corona während des Urlaubs! Welche Auswirkungen hat der schreckliche Ukraine-Krieg auf den Flugverkehr? Und die steigenden Preise machen den Urlaub zwar etwas teurer, aber man muss sich auch mal etwas gönnen!


Und jetzt steht man kurz vor dem Urlaub und muss sich einreden, dass der eigene Koffer schon mitkommen und das Chaos irgendwie an einem vorbeigehen wird. Doch die Anzahl an Meldungen und Geschichten, die über die Probleme an deutschen Flughäfen berichten, stimmt einen nicht wirklich zuversichtlich. So wurde mir beispielsweise aus erster Hand erzählt, dass man nach der Landung am Gepäckband vergeblich auf die Koffer warten musste. Tatsächlich hat sich die Kofferübergabe noch zwei weitere Tage hingezogen, eine Vielzahl von Anrufen und Mails an die Airline und Stress pur inklusive. Dabei haben die Bekannten sogar mobile Tracker an und in den Koffern angebracht und konnten sogar sehen, dass diese in Frankfurt ‚gelandet‘ sind. Doch abgeholt werden konnten sie erst 48 Stunden nach der eigentlichen Landung – bei Zusendung über einen Kurier hätte es wahrscheinlich noch Wochen gedauert.


Reisebüros raten mittlerweile dazu die Gepäckstücke auf die Koffer aller Mitreisenden zu verteilen, also keine Individualkoffer mehr zu packen, damit man am Reiseziel wenigstens ein paar Klamotten hat, sollte nur ein Koffer ankommen… Flughafen-Chef Schulte empfiehlt keine schwarzen Koffer zu nutzen, da bei den vielen schwarzen Koffern die Identifizierung zeitintensiv sei. Zudem solle man Adressaufkleber anbringen, wovor die Polizei seit Jahren abrät, weil Einbrecher so Hinweise auf verwaiste Wohnungen bekommen könnten. Auch das lässt mich ratlos zurück.

Wie soll man bei solchen Berichten noch zuversichtlich sein, sich auf den bevorstehenden Urlaub freuen und das Gefühl der Erholung nach der Rückkehr noch etwas in den Alltag mitnehmen?


Flughafenbetreiber und Airlines bitten die Passagiere um ihre Mithilfe und geben Ratschläge zum Umgang mit den aktuellen Problemen. Fluggäste sollen frühzeitig anreisen, vorab online einchecken, sich gezielt auf den Sicherheitscheck vorbereiten, das Handgepäck regelkonform packen und sich dabei auf das Nötigste beschränken. Leichter gesagt als getan, wenn man täglich davon hört, dass Koffer verspätet oder gar nicht ankommen und man deshalb logischerweise überlegt, Kleidung und Co. auch auf das Handgepäck zu verteilen. Außerdem solle man Geduld und Zeit für die Gepäckausgabe einplanen.

Das mögen alles wertvolle und auch richtige Tipps sein, die bei Beachtung durch eine Vielzahl von Passagieren bestimmt auch etwas das Chaos lindern können. Doch was mich persönlich an diesen Tipps stört, sind nicht die Ratschläge selbst, sondern dass Flughafenbetreiber, Airlines und Co. jetzt von den Passagieren fordern, sie zu unterstützen, und selbst nicht frühzeitig über die beschriebenen Probleme im Flugbetrieb aufgeklärt haben, die augenscheinlich schon im Frühjahr absehbar waren. Bloß nicht die Umsätze nach zwei schweren Jahren für die Flugbranche gefährden. Urlauber wurden somit in dem Glauben gelassen, dass in diesem Sommer der Flugbetrieb nach deutlichem Rückgang der Flugreisen in den vergangenen beiden Jahren wieder ganz normal funktionieren und möglich sein würde.


Pustekuchen – die Probleme an deutschen Flughäfen sind größer als jemals zuvor! Und erst jetzt, mitten im Chaos, werden seitens Fraport eigene Fehler eingestanden. Man habe den Nachholbedarf der Menschen nach Flugreisen unterschätzt, heißt es. Dabei habe man gewusst, dass es ein starkes Jahr werden wird, und das habe man in den Planungen auch berücksichtigt. Aber jede Prognose wurde deutlich übertroffen, und es fliegen viel mehr Menschen als erwartet. Dafür hätten die Flughäfen und Airlines zu wenig Personal auf allen Ebenen. Personal, das man während der Corona-Krise deutlich abgebaut hat (rund 4.000 Stellen) und trotz einiger Neueinstellungen (rund 1.000 Stellen) jetzt an allen Ecken und Enden fehlt. Zu spät habe man festgestellt, dass der Bedarf viel höher sei. Hinzu kommt die hohe Krankenquote, die vor allem das Bodenpersonal betreffen würde. Und als wäre das alles nicht schon genug, erschweren Restriktionen im Luftraum über Osteuropa durch den Ukraine-Krieg und eine neue Software-Einspielung in Frankreich die Situation zusätzlich.


Eine bittere Kombination aus Zufällen? Das mag schon sein, hilft aber den Fluggästen nicht weiter und ändert an der zu späten Kommunikation der Flughafenbetreiber und der Fluggesellschaften nichts. Wenigstens versuchen die Beteiligten jetzt alles, um das System zu stabilisieren, Chaos zu vermeiden und die Pünktlichkeit der Flüge zu verbessern. Bei allem Groll dürfe man laut Fraport-Chef Schulte eines nicht vergessen: „Wir kommen aus der größten Krise der Luftfahrt seit Jahrzehnten.“ Was ja auch stimmt.


Ich wünsche allen Flugreisenden – und dabei beziehe ich mich selbst ein – in den kommenden Wochen starke Nerven und gutes Gelingen. Oder wie die Fraport ihrem Unternehmensslogan nach sagen würde: „Gute Reise. Wir sorgen dafür!“

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