• Tobias Karbach

Stirbt das Ehrenamt?

Aktualisiert: 14. Nov.



Das Ehrenamt hat in Deutschland wie in vielen anderen Nationen eine lange Tradition und einen enorm wichtigen Stellenwert für die gesamte Gesellschaft. Ohne den unermüdlichen Einsatz ehrenamtlich tätiger Menschen geht in vielen Lebensbereichen nichts. Doch die jüngsten Entwicklungen und Zahlen geben Grund zur Sorge. Immer weniger Menschen engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen, Clubs, Verbänden und Schulen.


Da stellt sich die Frage: Stirbt das Ehrenamt aus?


Hans-Jürgen Heck, Senior Advisor bei DMK, und Tobias Karbach, Consultant Communications, haben das Thema genauer unter die Lupe genommen und schildern im heutigen Artikel Ihre Sicht auf darauf, was jetzt zählt und wie jeder Einzelne einen Beitrag im Bereich Ehrenamt leisten kann, um den jüngsten Entwicklungen entgegenzuwirken!

 

Sie kennen das bestimmt: ein neuer Elternbeirat soll gewählt werden und alle Wählbaren sitzen auf kleinen Kinderstühlen und versuchen sich noch kleiner zu machen. Auch wenn das in vielen Kindergärten und Schulen schon früher oft so war, ist diese Szene mittlerweile typisch. Es wird immer schwerer, Ehrenamtliche zu finden, die bereit sind, sich in Schule, und Verband, Verein und Kirche usw. zu engagieren. Altgediente Funktionäre finden kaum noch jemanden, der ihr Amt übernehmen will, wenn jemand beschließt, den Karren lange genug gezogen zu haben. Es fehlt an Schiedsrichtern, Vorsitzenden, Übungsleitern und Trainern.


Dabei sind es gerade die Vereine und Verbände mit dem ehrenamtlichen Engagement ihrer Mitglieder, die unsere Gesellschaft am Laufen halten. Sie helfen in Notsituationen wie etwa bei Unfällen oder Naturkatastrophen, sie unterstützen Sport- und Kulturangebote, leisten wichtige Beiträge bei der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, fördern den Umweltschutz, beraten gar ehrenamtlich bei den Anträgen zur Rentenversicherung.


In den 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren war es noch normal, Mitglied in einem oder mehr Vereinen zu sein - und vor allem, sich dort auch persönlich zu engagieren. Sei es als Trainer, als Sanitäter bei Sportveranstaltungen oder auch nur als Ordner bei Kreisligaspielen von Handball- oder Fußballclubs, wobei sich die Ordnertätigkeit meist nur auf das Überstreifen der weißen Armbinde beschränkte, weil es Ausschreitungen in diesen Ligen so gut wie nie gab – sieht man einmal von pöbelnden Vätern bei der E- oder D-Jugend ab, die ihren Nachwuchs vom Schiedsrichter ungerecht behandelt fühlten.


Wer, besonders in ländlichen Regionen, nicht Mitglied der Jugendfeuerwehr war, der gehörte irgendwie nicht dazu. Von der Jugend folgte der Wechsel in die Aktiven-Abteilung und wer diese hinter sich hatte, übernahm wie selbstverständlich irgendein Amt im Vorstand oder der Vereinsführung.


Zumindest bei der Wehr scheint die Welt noch halbwegs in Ordnung zu sein. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa erklärte der hessische Landesjugendfeuerwehrwart Markus Potthof noch im Frühjahr: „Wir haben einen Wahnsinns-Zulauf bei den Sechs- bis Zehnjährigen. Gerade die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig gesellschaftlicher Zusammenhalt und Sozialkontakte für Kinder und Jugendliche sind.“ Wieviele allerdings bei der Stange bleiben und später ein Amt übernehmen, ist offen.


Übel sieht es dagegen bei den Sportvereinen aus. Über 800.000 Mitglieder haben Deutschlands Sportvereine alleine im ersten Corona-Jahr verloren. Trotzdem: Bundesweit gab es im vergangenen Jahr noch rund 23,4 Millionen Mitglieder in Sportvereinen.Und die am Leben zu halten, fällt immer schwerer. Der Sportpädagoge Prof. Dr. Detlef Kuhlmann schrieb erst im Juli für die Presseseiten des Deutschen Olympischen Sportbundes: „Fußball-Bundesligisten dürften kein Problem haben, eine kompetente und gut ausgebildete Fachkraft als Trainerin oder Trainer zu verpflichten. In den untersten Ligen, geschweige denn im Nachwuchsbereich im Sport sieht das schon anders aus. Da sind Vereine froh, wenn sich engagierte Eltern oder ältere Geschwister bereit erklären, den Trainingsbetrieb halbwegs verlässlich und zur Freude der Kinder geräuschlos zu leiten – Hauptsache, das Training findet überhaupt statt.


Das Problem des Mangels von Ehrenamtlichen im Sport existiert – wenn wir ehrlich sind – nicht erst seit Corona und deren Krisenrhetorik drumherum: Spätestens seit den umfangreich empirisch erhobenen Daten für den ersten sogenannten „Sportentwicklungsbericht“ im Jahre 2005 wissen wir um die prekäre Situation, was Bereitstellung nicht vergüteter Arbeitszeit durch Mitglieder in Sportvereinen, also deren freiwilliges, ehrenamtliches Engagement, angeht. In dieser groß angelegten Befragung von Vereinsverantwortlichen wurde nämlich die Bindung und Gewinnung Ehrenamtlicher als Problem Nummer eins nominiert.


Und in der Tat: Heute finden sich in vielen Vereinen oft nicht mehr genügend Eltern, die die Nachwuchssportler zu Auswärtspartien fahren, mancherorts fehlen schon die Freiwilligen, die bereit sind, nach einem Spiel die Trikots einzusammeln und zu waschen, damit der Nachwuchs nicht am nächsten Wochenende in stinkenden Shirts antreten muss. Ganz zu schweigen vom Schiedsrichtermangel. Zumindest Handball- und Fußballvereine müssen in der Regel pro gemeldete Mannschaft auch Schiedsrichter ausbilden und melden, die bereit sind sich am Wochenende für ein paar Euro beschimpfen zu lassen. Längst kreist in Vereinen das Bonmot, dass wer bei der Hauptversammlung die Hand hebt um ein Getränk zu bestellen, als Vorsitzender nach Hause geht…


Doch damit nicht genug: Vor jeder Wahl werden händeringend Wahlhelfer gesucht, Gerichte suchen ehrenamtliche Schöffen, selbst die DLRG sucht Ehrenamtliche. Um dem Schwund von Ehrenamtlichen entgegen zu wirken, hat die Hessische Landesregierung schon 2006 die Ehrenamtscard erfunden, die mittlerweile auch von anderen Bundesländern angeboten wird.

20.000 engagierte Menschen in Hessen haben bereits die E-Card, die jeder bekommt, der sich mindestens fünf Stunden in der Woche für ein Amt zur Verfügung stellt. Landesweit können mit der Karte über 1.700 Vergünstigungen genutzt werden: viele Banken bieten den Karten-Besitzern kostenlose Giro-Konten an, in vielen Bädern – selbst Thermen – zahlen sie nur die Hälfte des üblichen Eintritts, Vergünstigungen gibt es in Kinos, Museen, Freizeitparks und an anderen Orten.


Unser System, ja unsere ganze Gesellschaft, wird an vielen Stellen ohne das Ehrenamt nicht funktionieren. Das wissen wir alle nur zu gut. Und deshalb ist es auch wichtig, denjenigen einfach mal Danke zu sagen, die sich tagtäglich ehrenamtlich betätigen und unseren Kindern und uns allen das Leben an vielen Stellen leichter machen. Doch damit nicht genug – denn nur ein einfaches Danke wird die Zahl der aktiven Ehrenamtlichen nicht einfach so erhöhen. Es ist an der Zeit, auch sich selbst zu hinterfragen, ob man nicht an der ein oder anderen Stelle in Verein, Club, Verband oder Schule unterstützen kann. Das muss ja nicht gleich das Amt des Vorsitzenden sein. Auch Kleinigkeiten wie Fahrdienste, Grill- oder Thekendienste sorgen für eine Entlastung. Die engagierten Menschen in ihrem Umfeld werden es Ihnen danken…

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